Tagungsbericht

Bericht zur 35. Jahrestagung des Interdisziplinären Arbeits- kreises für Forensische Odontostomatologie (AKFOS) 08.10.2011

Von Claus Grundmann, Duisburg

Am 8.10.2011 konnte in Mainz ein kleines Jubiläum gefeiert werden: der Arbeitskreis für Forensische Odontostomatologie (AKFOS) der Deutschen Gesellschaft für Zahn-, Mund- und Kieferheilkunde (DGZMK) und der Deutschen Gesellschaft für Rechts- medizin (DGRM) feierte sein 35-jähriges Bestehen.

Die diesjährige Tagung wurde im Beisein internationaler Kollegen durch den AKFOS- Vorsitzenden, Prof. Dr. Rüdiger Lessig (Halle) eröffnet. Es folgte ein Rückblick durch den AFKOS-Ehrenvorsitzenden, Dr. Dr. Klaus Rötzscher, der über die vielfältigen Aktivitäten des Arbeitskreises in den Jahren 1976 bis 2011 zu berichten wusste:

die damals gewählten Schwerpunkte des Arbeitskreises haben sich bis zum heutigen Tag nicht verändert: Begutachtungen im Zivil- und Strafrecht, Probleme der zahn- medizinischen Nomenklatur, Katalogisierung von Identitätsmarken, Befunderhebung und Dokumentation, Geschlechtsbestimmungen und Altersschätzungen, Prophylak- tische odontologische Identifizierungshilfen, Chemisch-physikalische Einwirkungen auf das Kausystem, Bissspuren und Spurensicherung, Codierung der Befunde, Rück- schlüsse aus Art und Material zahnärztlicher Arbeiten.

Herausragende Ereignisse der zurückliegenden 35 Jahre waren die Präsidentschaften der „International Association of Forensic Sciences" (IAFS) und „International Organi- sation for Forensic Odonto-Stomatology“ (IOFOS), welche im Oktober 1990 in Adelaide, Australien, an Deutschland vergeben wurden: gleichzeitig wurde Klaus Rötzscher, Speyer, für die Jahre 1991 bis 1993 der erste Deutsche Präsident von IOFOS.

Ein weiteres Großereignis für den Arbeitskreis war der Ausbruch des Tsunamis in Asien am 26.12.2004: gemeinsam mit weiteren 19 Nationen halfen die Mitglieder des Arbeitskreises in den Jahren 2004 und 2005 -in Zusammenarbeit mit den Krimina- listen des Bundeskriminalamtes (BKA) und der Landeskriminalämter (LKÄ)- bei der Bewältigung der Opferidentifizierung. Die Auszeichnung der in Sri Lanka und Thailand eingesetzten Deutschen Zahnärztinnen und Zahnärzte erfolgte am 26. Oktober 2005 anlässlich der Eröffnung des Deutschen Zahnärztetages und der Gemeinschaftstagung der DGZMK in Berlin: der Präsident der Bundeszahnärzte- kammer, Herrn Dr. Dr. Jürgen Weitkamp, zeichnete im Ministerium für Gesundheit und Soziale Sicherung alle 32 in Thailand und Sri Lanka eingesetzten Kolleginnen und Kollegen mit der Verdienstmedaille der Deutschen Zahnärzteschaft aus.

Der wissenschaftliche Teil der Tagung begann mit einem umfassenden Referat von Dr. Karl-Rudolf Stratmann aus Köln zum Thema „Grundlagen eines zahnärztlichen Privatgutachtens“: für Patienten und Gerichte darf jede(r) Zahnärztin/Zahnarzt ein Gutachten erstellen, ohne dass es hierfür einer zusätzlichen Qualifikation bedarf. Der Aufbau eines Gutachtens, die Einsichtnahme in weitere prozessrelevante Unterlagen, Fachbegriffserläuterungen wie: „nach den Regeln der zahnärztlichen Kunst“ oder „was ist ein grober Behandlungsfehler“ waren Eckpunkte des Vortrags.

 

Mit dem Thema, ob „kariöse Gebisse ein sicherer Indikator für die Vernachlässigung von Kindern sind“ beschäftigte sich Dr. Reinhard Schilke auf der diesjährigen AKFOS- Tagung. Trotz des deutlichen Kariesrückgangs bei Kindern existieren überall in Deutschland kleinere Gruppen, deren gesundheitliche Probleme nicht wahrge- nommen oder nicht angemessen behandelt werden: vernachlässigte oder miss- handelte Kinder weisen bis zu 9-mal häufiger unbehandelte kariöse Zähne auf. Welche interdisziplinäre Zusammenarbeit -zum Wohle gefährdeter Kinder- zwischen Gesundheitshilfe und Jugendhilfe möglich ist, erläuterte Dr. Peter Schäfer aus Mannheim am „Kooperationsmodell zum Kinderschutz in der Kommune“. Vorteilhaft sei eine gemeinsame politische Zielsetzung, insbesondere dann, wenn Jugendamt und Gesundheitsamt in einem Dezernat vereint seien.

Im Nachmittagsprogramm der diesjährigen AKFOS-Jahrestagung standen die Identi- fizierung von kontaminierten Leichen und die thanatopraktische Behandlung verstor- bener Personen im Vordergrund: Oberstarzt Dr. Klaus-Peter Benedix, München, be- tonte in seinem Vortrag, dass das Risiko, dass es zu chemischen, biologischen oder radioaktiven/nuklearen Schadenslagen mit oder ohne explosive Stoffe (CBRN-E- Lagen) kommen kann, weltweit zunimmt. Die erforderlichen Schutzmassnahmen wurden vorgestellt ebenso wie die Einteilung der Schadensortes in „heisse Zone“, „warme Zone“ und „kalte Zone“. Dass für solche Schadenslagen „Dekontaminations- konzepte“ vorliegen, konnte anhand der existierenden Ziele verdeutlicht werden.

Welche Möglichkeiten die Thanatopraxie heutzutage bietet, war Gegenstand des Re- ferats von Dr. Dr. Claus Grundmann, Duisburg: durch die Verwendung moderner Methoden und Techniken gelingt es speziell ausgebildeten Bestattern immer wieder anhand von Bildern Gewalt- und Unfallopfer soweit wiederherzustellen, dass Ange- hörige pietätvoll von ihren Liebsten Abschied nehmen können. So ist nicht nur eine bessere und schnellere Trauerbewältigung gewährleistet – auch der gefürchtete Satz „Es ist besser der Sarg bleibt zu“ kommt immer weniger zur Anwendung.

Dass fehlende Zähne im Rahmen der forensischen Altersschätzung keine fehlenden Informationen darstellen, konnten Dr. Bianca Gelbrich und Dr. Dr. Götz Gelbrich aus Leipzig eindrucksvoll darstellen: liegt die Aplasie eines unteren Weisheitszahnes vor, so konnte eine signifikant verzögerte Entwicklung des vorhandenen unteren Weis- heitszahnes beobachtet werden. So sind die Personen signifikant älter, bei denen eine Aplasie eines unteren Weisheitszahnes vorliegt.

Oliver Gengenbach, Notfallseelsorger aus Witten, nutzte die Tagung, um den Mitglie- dern der anwesenden in- und ausländischen Identifizierungsteams wertvolle Tipps für die Psychohygiene unter Einsatzbedingungen zu geben: wer seine vielfältigen Ratschläge befolgt, dürfte im Einsatz keine post-traumatische Belastungsstörung (PTBS) entwickeln.

Die nächste AKFOS-Jahrestagung findet -wie gewohnt- am 13.10.2012 in der Mainzer Universitätszahnklinik statt.